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Penthesilea

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Das Bild, das aus dem Rahmen fällt

Im Sommer 2004 ist als erstes gemeinsames Projekt von Ulla Rhan und Heide Sachter die Koproduktion  "Penthesilea" entstanden -eine Werkreihe von teils bearbeiteten, teils unbearbeiteten Fotografien, basierend auf dem  untenstehenden Text. Als wir mit der hier gezeigten Bild-Text-Arbeit im selben Jahr in Königstein/TS. auf einem Frauenkongress erstmals an die Öffentlichkeit gehen wollten, untersagten die Organisatorinnen eine Hängung mit der Begründung: "Dieses Bild passt nicht in den Rahmen". Auch wenn uns die Heftigkeit der Reaktion anfangs erstaunte, wissen wir heute, dass wir einen empfindlichen Nerv getroffen haben.  Wann immer wir unsere Abeit präsentieren, ernten wir entweder völlige Begeisterung oder totale Ablehnung. Am Thema Brustkrebs scheiden sich offenbar die Geister ...

Wer bin ich?

Ich stehe vor dem Spiegel und sehe mich an. Versuche, mich in dem, was ich sehe, zu erkennen.
Bin ich das?
Oder sehe ich nur so aus?
Die äußere Fassade: Blond und blauäugig. Ist das erwähnenswert? Nein, nicht wirklich, zumal an der Echtheit der Farbe gezweifelt werden darf. Nicht der Augenfarbe wohlgemerkt. Die Haare ... Mit den Jahren hat sich die einst schlohhelle Pracht in fahle Asche verwandelt, da hab' ich nachgeholfen. Ein bisschen mogeln ist doch erlaubt?
Und auch die sonst übliche Beschreibung für eine Frau trifft nicht ganz zu. 92 - 67 - 92. Na ja, oberflächlich betrachtet könnte man meinen ... Doch auch hier trage ich Maske. Zeig mich nicht jedem. Du fragst dich jetzt, was ich verschleiere? Berge von Speck etwa, mittels Hüfthalter auf handliches Maß zusammengepresst? Oder einen BH mit Schaumstoffeinlage, weil mein Busen viel zu klein geraten ist? Nein, nein. Hab keine Angst. So bin ich nicht.
Ich bin vielmehr, viel mehr ...
Du erinnerst dich sicher, früher einmal, vor langer, langer Zeit, da gab es ein Volk von stolzen Frauen, prächtig anzusehen und schnell wie der Wind. Es waren die Amazonen. In Mut und Entschlossenheit standen sie den Männern nichts nach, nur auf der Jagd - und das ärgerte sie - auf der Jagd, da waren sie im Nachteil. Beim Spannen des Bogens nämlich störte sie die rechte Brust. War einfach hinderlich, im Wege. Penthesilea, ihre Königin, haderte mit der Schöpfung. 'So ein Unsinn,' schimpfte sie und stieß die wildesten Flüche aus. Und weil sie es nicht länger ertragen konnte, solchermaßen benachteiligt zu sein, ergriff sie kurzerhand ihr Schwert und trennte sich die störende Fülle ab. Blut spritzte in alle Richtungen, die Brust fiel zu Boden und wurde von den Hunden gefressen. Keinen Laut gab sie von sich, kein Ächzen, kein Stöhnen. Und denke bloß nicht, auch nur eine der Frauen, die ihr dabei zugesehen hatten, hätte auch nur mit der Wimper gezuckt! O nein, zimperlich waren die Amazonen nicht.
Das Blut war schnell gestillt, der Zweck erreicht. Manch schneller Hirsch und manches Reh fand so ein jähes Ende, denn war'n sie schnell - der Pfeil war schneller. So folgten die Amazonen schon bald dem Beispiel ihrer Königin, und eine nach der anderen zeigte sich in ihrer neuen Form. Rituale etablierten sich, die Brust-Beschneidung wurde zur Reifeprüfung. Die weiche Weiblichkeit musste weichen, denn das Leben war hart.
Die Jahre gingen dahin. Pfeil und Bogen wurden ins Museum gehängt und die Pferde in Reitschulen geschickt. Statt Bärenfell trug frau nun Seide und schlief im weichen Bett. Per Flugzeug, Auto, Eisenbahn zerstreute sich das stolze Weibsvolk in alle Winde und mischte sich so mit den anderen Menschen. Überall gibt es sie, die Erbinnen der Amazonen, sie leben mitten unter uns. Ihr Ritual ist längst vergessen. Manchmal aber, das kannst du mir glauben, überkommt die eine oder andere von ihnen eine unerklärliche, dumpfe Sehnsucht nach dem wilden Leben in völliger Freiheit.
Besonders, wenn sie wieder einmal in dieser harten Welt ihren Mann stehen wollen, wenn ihre Weichheit ihnen besonders hinderlich erscheint, dann kann es vorkommen, dass auch sie zum Schwerte greifen. Zum Schwerte? Du weißt, die Amazonen gehen mit der Zeit. Es gibt heutzutage elegantere Möglichkeiten ... Blutig ist es immer noch, aber niemand sieht mehr zu. Die meisten wissen nicht einmal, warum sie es tun. Sie folgen einem inneren Zwang, stürzen sich wie Lemminge die Klippen hinab. Manche merken es erst, wenn es schon geschehen ist, andere merken es nie.
Aber warum erzähle ich dir das? Wollte doch herausfinden, wer ich bin. Blicke in den Spiegel. Verwundert, nachdenklich. Was ist es, was ich da sehe? Sehe Bilder von Wäldern und Seen, sanften Wiesen, schroffen Felsen ... Und dazwischen sehe ich mich, wie ich reite, auf einem Rappen, ein edles Tier mit wild zersauster Mähne. Ja, das bin ich, das Haar im Wind, reite mit entschlossener Miene, galoppierend, langsamer werdend, an einer Lichtung verharrend, wartend, lauernd. Ein Reh tritt heraus, hebt den Kopf, die Ohren gespitzt, witternd. Es bemerkt mich nicht. Leise, ganz leise nehme ich einen Pfeil aus dem Köcher, spanne den Bogen ...
Da endlich erkenne ich mich: Bin Penthesilea, die Königin der Amazonen.